In Delmenhorst verlaufen auf dem Marktplatz Blindenleitstreifen — eigentlich da, um Menschen mit Sehbehinderung sicher durch die Stadt zu führen. Doch regelmäßig verschwinden sie unter Verkaufsständen, Lieferwagen und Buden. Beim Wochenmarkt. Beim Weinfest. Beim Streetfood-Festival. Beim Kartoffelfest. Sogar beim Weihnachtsmarkt. Ausgerechnet da, wo Teilhabe und Begegnung stattfinden sollen, werden Barrieren geschaffen. Anstatt das Problem zu lösen, bietet die städtische Wirtschaftsförderung dwfg beim Kartoffelfest einen „Begleitservice“ für blinde Menschen an — nur nach vorheriger Anmeldung.

Das ist keine Inklusion. Das ist ein Rückschritt. Warum ist es in Delmenhorst so schwer, Stände einfach nicht auf den Blindenleitstreifen abzustellen oder diesen sinnvoll zu versetzen? Inklusion heißt: Barrieren abbauen. Nicht Umwege organisieren.

Mobilität ist in Deutschland kein eigenständiges Grundrecht, aber Teil des allgemeinen Gleichbehandlungsgebots (Art. 3 GG) und der Teilhabe nach dem Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) sowie der DIN 32984, die vorschreibt, dass Bodenleitsysteme für Blinde nicht beeinträchtigt oder überbaut werden dürfen. Jemensch ist nur einen Unfall davon entfernt, selbst betroffen zu sein.

Spannend! In diesem Dokument verpflichtet sich die Stadt Delmenhorst im Jahr 2018 dazu, Marktbetreiber, wenn sie die Blindenleitstreifen überbauen, dort, wo die Blindenleitstreifen aufhören, verpflichtend Schilder in Blinden- und in Schreibschrift aufstellen. Diese müssen darauf hinweisen, dass sehbehinderte Menschen von den Marktbetreibern auf Wunsch zu Zielen auf dem Markt, über den Markt hinweg oder aber bis zum Wiederbeginn des Blindenleitstreifens geführt werden. Sieben Jahre her. Wurde das je umgesetzt oder wann wurde damit warum aufgehört?

Quelle Seite 2492:
https://www.landtag-niedersachsen.de/parlamentsdokumente/steno/18_wp/endber028.pdf

Der Gewerbeservice der Stadtverwaltung äußert sich zu unseren Fragen sinngemäß paraphrasiert:

Sobald Feste oder Märkte stattfinden, zählen die Bedürfnisse sehbehinderter Menschen nicht mehr: Blindenleitstreifen werden überbaut, Sicherheit und Orientierung treten zurück – alles zugunsten von Standbetreibern und sehenden BesucherInnen. Damit der Wochenmarkt für Sehende nicht weniger attraktiv wirkt.

Wir wurden extra per Email vom Gewerbeservice der Stadt darauf gedrängt, den Hinweis auf die sinngemäße Wiedergabe der uns vorliegenden E-Mails aufzunehmen. Das ist offenbar die höchste Priorität im Rahmen der gesamten Umstände für den Delmenhorster Gewerbeservice.

Teilhabe wird faktisch ausgehebelt, solange sie unbequem ist. Man hat nicht vor, an dieser Praxis in Delmenhorst etwas zu verändern. Quellen: Emails des Gewerbeservice der Stadtverwaltung.